Blockchainanalyse von DataBroker DAO
Hintergrund
Vor kurzem haben wir die Journalisten von netzpolitik.org bei einer Recherche unterstützt. Der Artikel von netzpolitik.org ist hier abrufbar. Es ging dabei um die ICO (Initial Coin Offering, dt. etwa „erster Münzenverkauf“) eines europäischen Unternehmens, das eine Datenhandelsplattform betreibt. Bei einer ICO gründen und verkaufen junge Unternehmen, oftmals Tech-Startups, eine eigene Kryptowährung, um mit den so erzielten Einnahmen Geschäftsvorhaben umzusetzen. Die Käufer dieser Kryptowährung erhoffen sich, die Währung später zu einem höheren Kurs verkaufen zu können und so einen finanziellen Gewinn zu erzielen – gemäß dem Börsenprinzip „buy low – sell high“.
Im Rahmen der Rechercheunterstützung haben wir Daten und Transaktionen der Ethereum-Blockchain analysiert, die mit besagter ICO in Zusammenhang stehen. Ethereum ist, nach der unbestrittenen Nummer 1 Bitcoin, die Kryptowährung mit dem zweitgrößten weltweiten Handelsvolumen. Im Gegensatz zu Bitcoin-ähnlichen Blockchains, die vor allem als sichere digitale Zahlungsmöglichkeiten entworfen wurden, bieten Ethereum-ähnliche Blockchains die Möglichkeit, umfangreiche Prozesse abzubilden, indem komplexer Programmcode auf der Blockchain abgelegt und von dieser ausgeführt wird. Derartige Programme nennt man „Smart Contracts“ (dt: „intelligente Verträge“). Mithilfe von Smart Contracts kann jeder das Grundgerüst der Ethereum-Blockchain nutzen, um beispielsweise eine eigene Kryptowährungen zu erstellen.
Für die Erstellung einer eigenen Kryptowährung wird häufig der ERC20-Standard genutzt, welcher grundlegende Funktionen definiert. Eine Kryptowährung nach dem ERC20-Standard muss beispielsweise Guthaben von Nutzer A zu Nutzer B übertragen (die sog. „Transfer“-Funktion) oder das Guthaben eines Kontos abrufen (die sog. „balanceOf“-Funktion) können. Die Einheiten einer Kryptowährung werden oft allgemein als Token (dt. „Wertmarke“) bezeichnet. Der Wert dieser Token kann sich an traditionellen Währungen, bspw. dem US-Dollar, dem Kurs anderer Kryptowährungen, bspw. dem Bitcoin, oder dem freien Markt, also dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage, bemessen. Im vorliegenden Fall hat das Unternehmen eine Kryptowährung nach dem ERC20-Standart erstellt und anschließend verkauft. Der Kaufpreis wurde zunächst vom Unternehmen definiert. Später wurde der Token handelbar und es stellte sich ein Marktpreis ein.
Weil die Transaktionen der meisten Blockchains öffentlich einsehbar sind, konnten wir die infragekommenden Daten analysieren und den Journalisten von netzpolitik.org einige grundlegende Fragen beantworten.
Wie lief die ICO ab?
Grundprinzip
Die Daten der Ethereum-Blockchain zeigen, dass das Unternehmen Token im Rahmen von zwei Verkaufsrunden verkauft hat. Für jede Verkaufsrunde wurde zunächst ein eigener Token-Smart-Contract (der die Eigenschaften der Kryptowährung definert) und ein zugehöriger Verkaufs-Smart-Contract (der den Verkauf abwickelt) erstellt. Mit Beginn des Verkaufszeitraums konnten gegen Zahlung eines Betrages nun Token erworben werden. Dazu hat man von seinem Ethereum-Konto (auch „Wallet“, dt. „Brieftasche“) einen Betrag in Ether, der Grundwährung des Ethereum-Netzwerkes, an den Verkaufs-Smart-Contract gesendet. Dieser hat in einem ersten Schritt das so eingezahlte Guthaben an ein firmeninternes „Verwahr-Wallet“ weitergeleitet. In einem zweiten Schritt hat der Verkaufs-Smart-Contract dem Käufer das erworbene Token-Guthaben ausgeschüttet. Letztlich funktioniert der Verkaufs-Smart-Contract damit wie ein digitaler Geldwechselautomat. Währung 1 rein – Währung 2 raus.
Verkaufsrunde 1
So kamen im ersten Verkaufszeitraum, der ungefähr einen Monat dauerte, 195 erfolgreiche Kauftransaktionen von 179 verschiedenen Käuferkonten zustande. Es wurden insgesamt ca. 963 Ether eingenommen. Dieser Wert wird ebenfalls vom Verkaufs-Smart-Contract selbst erfasst und stimmt mit unserer Analyse überein. Zum jeweiligen Transaktionszeitpunkt waren die Einnahmen insgesamt ca. 288 000 US-Dollar wert. Im Gegenzug haben die Käufer insgesamt ca. 1,16 Millionen Token erhalten.
Übergang in Verkaufsrunde 2
Im März 2018 hat das Unternehmen die Migration auf einen neuen Token angekündigt. Dazu wurde ein neuer ERC20-Token-Smart-Contract und anschließend ein zugehöriger Verkaufs-Smart-Contract erstellt. Anschließend übertrug ein Firmenmitarbeiter mittels Aufruf der Funktion „Handle Early Sale Buyers“ (dt. sinngemäß „bediene Käufer der ersten Verkaufsrunde“) Käufern des alten Tokens entsprechende Guthaben des neuen Tokens. Für diesen Übertrag ordnete die Firma jeder Empfängeradresse des neuen Guthabens den zum Erwerb des alten Guthabens gezahlten ETH-Betrag zu. Unsere Analyse ergab jedoch, dass diese Angaben teils die von den jeweiligen Konten tatsächlich an den Verkaufs-Smart-Contract gesendeten Zahlungen überstiegen. 14 Konten erhielten Guthaben, ohne überhaupt an den Verkaufs-Smart-Contract gezahlt zu haben. Dennoch hatten diese Konten seinerzeit Guthaben des alten Tokens erhalten. Die Daten der zugehörigen Transaktionen deuten an, dass der alte Token auch ohne Interaktion mit dem alten Verkaufs-Smart-Contract gekauft werden konnte. Insgesamt ergab sich so eine Differenz von ca. 1 480 ETH. Demnach betrugen die tatsächlichen Einnahmen der 1. Verkaufsrunde möglicherweise das 2,5-fache der von uns beobachteten regulären, verifizierbaren Kauftransaktionen.
Verkaufsrunde 2
Summiert man die regulären Verkäufe des neuen Tokens auf der Ethereum-Blockchain, ergeben sich Gesamteinnahmen von 1 317 ETH in 243 Kauftransaktionen von 210 verschiedenen Käuferkonten. Zum jeweiligen Transaktionszeitpunkt waren diese Käufe ungefähr 750 000 USD wert. Im Gegenzug wurden ca. 7,4 Mio. Token ausgeschüttet. Auch hier deuten die Transaktionsdaten des Verkaufs-Smart-Contracts zusätzliche Käufe ohne eine direkte Smart-Contract-Interaktion an.

| Diagramm 1: | Beobachtete Preise der Tokenverkäufe bei Verkaufsrunde 2 |
Die zweite Verkaufsrunde gliederte sich in 3 verschiedene Verkaufsphasen mit verschiedenen Preisen. In der Vorverkaufsphase erhielt man 6000 Token/Ether, an Tag 1 des Hauptverkaufs 4400 Token/Ether und anschließend 4000 Token/Ether. Diagramm 1 zeigt, dass lediglich ein Viertel der verifizierten Käufe zum günstigsten Preis erfolgten und mehr als die Hälfte aller Käufe in der (teuersten) Spätphase erfolgten.

| Diagramm 2: | Beobachtete Preise der Tokenverkäufe bei beiden Verkaufsrunden |
Addiert man die verifizierten Käufe der ersten Verkaufsrunde dazu, zeigt sich, dass ungefähr die Hälfte aller Käufe auf diesen, günstigsten, Zeitraum entfallen.
Je nach Fragestellung lassen sich aufgrund der Transparenz von Blockchain-Transaktionen zahlreiche weitere Aspekte beobachten. So entdeckten wir auch Unachtsamkeiten der Entwickler: In einer Transaktion hatten diese Token auszahlen wollen, dabei jedoch die erforderlichen 18 Dezimalstellen des Tokens ignoriert. In der Folge wurden lediglich homöopathische Mengen versendet. 4 Minuten später wurde der Fehler dann korrigiert.
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